Vor der Verhaftung
Es ist ein westafrikanischer Staat, der für seine schlimmen Zustände in den Gefängnissen bekannt ist. Doch eines Tages sollte sich in dem Land etwas zum Besseren verändern. Durch Mithilfe aus dem Ausland und Infragestellung aller bisherigen Grundsätze der Politik will die neue Regierung die Verbesserung der Zustände im Land in Angriff nehmen.

Der Ankauf von Landflächen durch chinesische Unternehmen wird an die Bedingung geknüpft, daß ein Teil der Ernte zum Selbstkostenpreis mit kleinem Gewinn auf den einheimischen Markt gebracht wird und landwirtschaftliches Wissen mit einheimischen Bauern geteilt wird. Die chinesische Unternehmen waren bereit, auch Stràflinge auf angekauftem Land arbeiten zu lassen. Aber viele chinesische Unternehmen wollten wissen, wie mit Stràflingen umgegangen wird. Sie sagen zu einheimischen Vertretern, daß Zwangsarbeit auch in China als Strafe verhängt werde und hartes Durchgreifen gegen Straffällige und ständige Unruhestifter ihre Zustimmung haben. Aber man wolle keinen greifbaren Anlaß für Unruhen im Land und weitere Hetze gegen China in den weltweiten Medien bieten. Die einheimischen Vertreter versprechen daraufhin, sich um einen Standard nach chinesischem Vorbild in den Straflagern zu kümmern. Durch Stràflingsarbeit kann der Preis für Lebensmittel,
die auf den einheimischen Markt gebracht werden, noch niedriger ausfallen und die Versorgung der Bevölkerung verbessern.

Wohl auch deshalb werden die schlimmsten Mißstände in den Straflagern beseitigt. Es wurden diesmal unangeneldet Vertreter zur Prüfung der Haftbedingungen zu Besuch geschickt. Man will der willkürlichen, ganz schlimmen Folter noch entschiedener als die chinesische Regierung den Kampf ansagen und Sauberkeit vorschreiben.

Nach einigen Verhandlungen und hitzigen Auseinandersetzungen werden klare Richtlinien für die Sauberkeit und Bestrafungen in Straflagern erlassen. Die Sträflinge sollen es nicht bequem haben, aber fair behandelt werden. Unangeneldete Besuche solle es demnäcst immer wieder geben. Vergünstigungen sollen von Stràflingen erarbeitet werden und sie zu Fleiß ermuntern.

Nachdem einige Veränderungen umgesetzt worden sind, ist Annika aus Bonn mit ihrer Freundin in diesen westafrikanischen Staat gereist, nichtsahnend, daß sie dort im Gefangenenlager landen werden. Schon in Bonn fielen sie durch einen unsteten Lebenswandel auf. Sie hat nach der Schule ein paar Ausbildungen angefangen und wieder abgebrochen. Außerdem liebte sie es, wie ein Blumenkind auszusehen und wann immer es ging, barfuß und mit dünnen Kleidern herumzulaufen. Eines Tages beschlossen sie, sich einem Jahrmarktschausteller anzuschließen, um ständig unterwegs zu sein. Nach einiger Zeit sind sie wegen Stehlen und Körperverletzung vor Gericht gekommen. Aber sie sind noch einmal Geldstrafe davongekommen. Der Jahrmarkaussteller hat sie aber daraufhin entlassen. Sie überlegten nun, das Geld, was sie hatten, dafür aufzuwenden, um als Abenteurer nach Afrika zu reisen. Ihr Leben sei in Deutschland ziemlich gescheitert und als Abenteurer fernab der
spießigen Heimat könnten sie versuchen, sich durchzuschlagen. Sie wollen auch nicht mehr der Versuchung erliegen, zu stehlen oder Kleinbetrug zu begehen. Ihren Eltern sagen sie nichts, weil die sie nur davon abbringen werden. Sie wollen ihnen irgendwann einfach aus Afrika schreiben.

So kaufen sie beide Interrail-Fahrscheine und fahren per Bahn über Frankreich, Spanien und Marokko nach Westafrika. Sie wollen ein paar Länder auf der Durchreise kurz kennenlernen. Zum Übernachten nehmen sie ein Zelt mit, um Geld und Umstände bei der Buchung von Unterkünften zu sparen.

Die Eltern, Verwandten und Bekannte der beiden Mädchen machen sich Sorgen, nachdem sie beide seit Tagen nicht mehr gesehen haben. Eines Tages erhalten sie Briefe aus Westafrika, wo sie erklären, daß sie erstmal als Abenteurer durch Westafrika ziehen wollen. Aber das steigert die Sorgen noch mehr, weil sie befürchten, daß sie der Versuchung von Stehlen und Kleinbetrug zum Lebensunterhalt wohl auf Dauer nicht standhalten werden. Sie sind keine üblen Mädchen, aber umgefestigte Persönlichkeiten mit wechselhaften, verrückten Gedanken. Hoffentlich geraten sie nicht dort ins Gefängnis. Dort sind Gefängnisse wirklich hart. Das einzige, was sie tun können, ist das Schreiben eines Briefes, daß sie jederzeit wieder zu Hause willkommen sind und wir einen Weg finden, daß sie in ein geregeltes Leben kommen.

In Westafrika geht den beiden Mädchen langsam das Geld aus und müssen nun etwas unternehmen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie haben nur ein gewöhnliches Visum für drei Monate bei der Einreise bekommen. In ihren vorschnellen Gedanken haben sie nicht daran gedacht, sich um ein längerfristiges Visum zu bemühen, vielleicht als Helfer der Entwicklungshilfe. Zuerst gelingt es ihnen, als Helfer in der Landwirtschaft unterzukommen. Doch nach Ablauf der drei Monate bewegen sie sich als Untergetauchte im Land.

Schließlich finden sie Anschluß an eine einheimische Bande von Vagabunden, die auch Stehlen und Kleinbetrug auf Märkten ausüben. Inzwischen haben Annika und Vera etwas von der Landessprache Moré gelernt. Und von zwei hellhäutigen Mädchen haben sich die Vagabunden Aufmerksamkeit versprochen. Es war nichts Außergewöhnliches, daß ein paar durchgeknallte Weiße hier in Westafrika stranden. Durch die beiden Mädchen könnten andere davon abgelenkt werden, sie bei Straftaten zu erwischen.

Eines Tages werden Annika und Vera von der Polizei beim Diebstahl und bei Kleinbetrug erwischt. Die einheimischen Vagabunden konnten schnell aus der Kleinstadt ins unbebaute Umland entfliehen, weil sie die Gegend genau kennen. Die beiden deutschen Mädchen bleiben zurück, ehe sie bemerken, daß die Einheimischen entflohen sind. Während die Polizei durch die helle Hautfarbe abgelenkt war, sind sie entflohen. Es gefällt vielen Polizisten, es den überheblichen Weißen zu zeigen, daß auch sie Gesetze in Wertafrika haben.

Dann werden sie mit Hand- und Fußeisen gefesselt und ins Gerichtsgefängnis gebracht. Die Langeweile in der Zelle durch Untätigkeit macht ihnen zu schaffen. Nach einer Woche endlich werden sie dem Richter vorgeführt. Sie werden der Dauerkriminalität und des Landfriedensbruches wegen des umgesetzlichen Aufenthaltes angeklagt. Sie sagen dem Richter, daß sie in Haft gerne arbeiten wollen, weil diese Langeweile furchtbar sei. Nach einer Stunde Beratung fällt das Urteil: Straflager mit Zwangsarbeit im Lager 23. Morgen würden sie in einem Fußmarsch die 50 km dorthin überführt. Die Hand- und Fußeisen verbleiben an den Verurteilten. Sie erhalten ein verläufiges Stràflingshemd für den Fußmarsch, nachdem sie sich ganz entkleidet haben. Ein Ersuchen um Begnadigung ist nach 10 Jahren möglich, eine Hinrichtung auf eigenes Verlangen nach 5 Jahren. Darauf werden Annika und Vera wieder ins Gerichtsgefängnis gebracht. Das zunächst lebenslängliche
Urteil hat sie geschockt. Sollen sie für den Rest ihres Lebens im Straflager verbringen in Westafrika? Wie wird es sein? Es sind so einige Gerüchte im Umlauf, wie schlimm es dort ist. Wenigstens ist es dann mit der ständigen Langeweile vorbei und sie werden wieder mehr unter Mitmenschen kommen. An einfache Unterbringung kann man sich gewöhnen.

Am nächsten Morgen kommen ein paar Justizangestellte und befehlen Annika und Vera, sich nackt auszuziehen. Sie müssen noch untersucht werden, ob sie in Körperöffnungen etwas versteckt haben und ob sie gesund genug sind, um 50 km zu Fuß zu laufen. Der untersuchende Mann erklärt, daß es für sie nicht angenehm sein werde, aber es nun einmal unumgänglich sei. Bei der Untersuchung mit Gummihandschuhen werde er auch weniger erotische Gefühle haben. Eine Frau und die andere Gefangene seien Zeugen, daß er keine erotischen Spielereien mache.

Ohne Klagen lassen Annika und Vera die Durchsuchung ihres Körpers über sich ergehen. Sie haben lc Verständnis dafür, daß dort etwas versteckt sein könnte. Nicht alle seinen so einsichtige Gefangene. Nach der Untersuchung bekommen sie ein gestreiftes Stràflingshemd. Hand- und Fußeisen haben sie bereits. Sie dürfen sich vor dem Abmarsch noch ein wenig zurechtmachen und etwas Mineralwasser trinken. Das Barfußlaufen sind die beiden gewöhnt. Sie dürfen auch am Straßenrand neben dem heißen Asphalt laufen. Ab und zu halten sie Eiswürfel, die sie im Gerichtsgefängnis mitbekommen haben, zur Abkühlung an Hauptschlagadern, um den Fußmasch erträglicher bei der Hitze zu machen. In Ortschaften ernten sie sowohl verächtliche als auch erstaunte Blicke. Manche finden den Anblick von Stràflingen mit ihrem Hemd und barfuß einfach reizvoll. Und barfüßige Hellhäutige sorgen sowieso für bewundernde Blicke. Ein paar Mal wird den beiden neben
verächtlichen Rufen auch zugerufen, wie wunderschön sie sind und daß hellhäutige Füße und blonde Haare einfach toll aussehen. Einmal machen sie Rast.

Ein paar Einheimische fassen den Mut und sprechen Annika und Vera an. Während die Verächter nur von ferne rufen, sind jene, welche sie ansprechen, eher neugierig. Die Justizangestellten lassen sie gewähren. Annika und Vera erzählen davon, daß sie sich einer einheimischen Vagabundengruppe angeschlossen hatten und auch gestohlen und betrogen haben. Ihr Visum sei schon lange abgelaufen, was hier als Landesfriedensbruch gewertet wird. Sie seien auch ziemlich leichtsinnig nach Afrika aufgebrochen. Die Einheimischen versuchen, ihnen Mut zuzusprechen. Es sei eine jugendlicher Leichtsinn mit schweren Folgen. Sie sähen nicht aus wie Verbrecher oder hochnäsige Europäer, die plötzlich mit dem einheimischen Gesetz Bekanntschaft machen. Nach 10 Jahren würden sie doch bestimmt begnadigu oder könnten vorher nach Deutschland überstellt werden, wenn sie sich nicht auffällig verhalten. Sie geben noch zu bedenken, daß gewiß auch im Straflager
Freundschaften
geschlossen werden können. Annika und Vera meinten, daß sie es selbst schuld seien und noch nicht wirklich im Erwachsenensein angekommen seien. Sie würden sich schon irgendwie dran gewöhnen. Zum Schluß wünschen die Einheimischen noch alles Gute und bringen etwas zu trinken und ein paar Happen zu essen.

Am Abend kommen sie im Straflager 23 an. Dort müssen sie ihr Stràflingshemd des Gerichtsgefängnisses ausziehen und erhalten eines mit der Zahl 23 auf den Ärmeln. Die Aufseherin erklärt den beiden den Alltag und die Regeln wie folgt:"Vergünstigungen und Vertrauen sind zu erarbeiten. Wer fleißig ist, erhält als Belohnung Vergünstigungen wie z. B. Besuche. Wer sich als vertrauenswürdig erweist, dürfe zu Arbeitseinsätzen in die Stadt und sich auch in Läden vom Taschengeld, daß die Stràflinge für ihre Arbeit erhalten, etwas kaufen. Monatlich gibt es ein Grund-Taschengeld von 15.000 CFA-Franc, was etwa 25 Euro entspricht. Es wird in der Lagerverwaltung aufbewahrt und wird bei Bedarf in bar ausbezahlt. Die Arbeitszeit ist von 8.30 bis 18.30 von montags bis freitags mit einstündiger Mittagspause. Samstags ist um 16 Uhr Arbeitsschluß und sonn- und feiertags ganztägig arbeitsfrei. In der Gruppe ist ein Gottesdienstbesuch in einer Kirche oder des
Freitagsgebets in der Moschee in der Stadt möglich. Wer fleißig arbeitet, dürfe auch zwischendurch kleine Pausen einlegen. Ein paar Stràflinge, die für den Mahlzeitsdienst bestimmt sind, laufen eine Stunden früher zurück zum Lager."

Sie führt weiter aus:"Jede Hütte beherbergt 20 Sträflinge, ist mit Stroh ausgelegt und hat daneben eine Gemeinschaftsdusche im Freien zur täglichen gemeinsamen Körperreinigung. Kämme, Hautraspel, Nagelscheren, geraspelte Seife und Zahnbührsten befinden sich in den Hütten. Jeder Sträfling muß sich täglich mit geraspelter Seife duschen. Weder in der Stadt noch bei Besuchen soll sich ein unzumutbarer Anblick und Geruch bieten. Außerdem sollen sich Krankheitskeime nicht ausbreiten. Am Samstag werden die Körper der Sträflinge auf Sauberkeit untersucht. Wenn im Arbeitsgebiet kein Brunnen in der Nähe ist, müsse sich jeder einen Kanister Wasser mitnehmen. Bei scheinender Sonne muß jeder Stràfling ein Kopftuch tragen, um keinen Sonnenstich zu bekommen und bei der Arbeit auszufallen. Fehlverhalten wird mit Peitschenhieben und Käfig bestraft. Drogenbesitz und mehrmals straffälliges Verhalten gegenüber Mitstràflingen und Bediensteten werde
nicht geduldet und werde durch den Strang geahndet. Eine Nachtwache sorge auch zur Nachtruhe dafür, daß Fehlverhalten nicht ungeahndet bleibe und unterbunden werde. Nachtruhe ist ab 23 Uhr, samstags ab 0 Uhr. Zweimal wöchentlich müssen die Stràflinge ihr knielanges Hemd waschen und einmal wöchentlich ihre Hand-und Fußeisen polieren. In jeder Hütte befinden sich zwei Einer für Notdurft und Kalk zum Verfüllen. Morgens werden sie ausgeleert. Tagsüber am Arbeitsplatz gibt es Aborte mit Kalk zum Abdecken. Falls Sie sich zum Arbeiten zu krank fühlen, müssen Sie sich bei einem Aufseher melden, worauf eine Untersuchung veranlaßt wird. Bei Arbeitsunfähigkeit bleibt der Stràfling in der Hütte und wird mit Trinkwasser und gegebenfalls mit einfachen Medikamenten versorgt. Sterbenskranke Sträflinge werden zum Sterben in Sterbelager verlegt. Haben Sie alles verstanden und haben noch Fragen?"

Sie bejahen das und haben keine und fragen, ob sie nach Deutschland anrufen dürfen. Darauf erklärt die Aufseherin noch, daß wöchentlich 10 Minuten Fernsprechen erlaubt seien. Auslandsgespräche werden mit dem Taschengeld verrechnet. Briefe werden vor dem Abschicken vorher gelesen. Die Briefe von Ausländern werden dann elektronisch verschickt, weshalb sie eine Netzanschrift oder Faxnummer angeben müssen. Die Aufseherin, welche auch für ihren menschlichen Umgang mit Sträflingen bekannt ist, führt noch aus, daß sie nichts zu befürchten haben, wenn sie sich folgsam verhalten. Es gebe unter den Stràflingen auch ein paar umgängliche Menschen. Sie sagt zum Schluß noch, daß Straflager und Urteile in diesem Land für Menschen aus Industrieländern erstmal ein Schock seien. Aber sie werden sich bald sicherlich an das Leben als Sträfling gewöhnen. Hochnäsige, uneinsichtige Westler machen sich das Schicksal hier doppelt schwer.

Beide rufen ihre Eltern an und erklären kurz, was geschehen ist. Sie erklären noch, daß in nächster Zeit eine Netznachricht ankommen wird und fragen nach deren Netzanschriften. Die Eltern der beiden brechen in Tränen aus und versichern, daß sie bald kommen werden.

Annika und Vera werden dann in ihr zukünftiges Zuhause gebracht und an ihrem Liegeplatz angekettet. Morgen werde man die Liegeplätze neu verteilen, so daß beide nebeneinander liegen und mit den anderen beiden Europäerinndn in einer Hütte sein werden. Ein paar Stràflinge stellen sich gleich vor und meinen, daß es sie freut, nun zwei weitere, hellhäutige Schönheiten in ihren Reihen zu haben. Sie erzählen, daß früher alles viel schlimmer gewesen sei und man es jetzt zumindest im Lager aushalten könne. Wenigstens sei Waschen jetzt Alltag im Lager und nicht mehr Gestank ungewaschener Körper. Jetzt könne man sich in der Stadt ohne entsetztes Zurückweichen der freien Bürger blicken lassen.

Der Alltag im Lager

Am Morgen werden sie dann um 7 Uhr geweckt. Um 7.30 Abmarsch zur Feldarbeit. Die Neuen werden erst einmal nur zur Feldarbeit eingesetzt. Bis dahin binden sich die beiden die Haare zum Pferdeschwanz, weil offene Haare bei der Arbeit eher stören. Sie gehen noch einmal kurz unter die Dusche und ziehen sich ihr Sträflingshemd an. Für ungeübte Hände ist es ein wenig schwierig, wenn sie in Ketten liegen. Annika und Vera helfen sich gegenseitig beim Anziehen der Sträflingshemden. Dann werden einige Sträflinge zum Abmarsch aneinandergekettet und erhalten ein kleines Brot, was sie sich in eine der beiden Hemdstaschen stecken. Jene, die sich Vertrauen erarbeitet haben, werden nicht an andere gekettet. Dann geht es barfuß über staubige Wege zum Feld. Dort müssen sie Bewässerungsgräben vom Brunnen zum Feld angelegt werden. Unterwegs reden Annika und Vera miteinander über ihre Gedanken. Vielleicht ist Arbeitslager doch besser als ständig im Knast zu
verschmoren. Vielleicht gewohnt man sich wirklich an das Gefangenendasein. Die beiden freuen sich zumindest darauf, von jetzt an rund um die Uhr barfuß zu laufen.

Die andere Europäerin in der Hütte ist gerade 15 Jahre alt, meldet sich zu Wort. Sie erzählt, nachdem Annika und Vera meinten, sie solle Moré, weil sie kein Französisch sprechen, wie folgt:"Ich fühle sich inzwischen ganz wohl und habe erkannt, daß das Straflager der richtige Ort für mich ist." Annika fragt erstaunt, wie sie darauf kommt. Außerdem möchte sie wissen, woher sie kommt. Sie spricht weiter:"Ich komme aus Orleans in Frankreich, heiße Florence und bin 15 Jahre alt. Ich bin leicht zu falschem Tun verführbar und komme im Straflager auf keine dummen Gedanken. Meine große Schwester ist im Entwicklungsdienst, weshalb ich mit meinen Eltern vor rund anderthalb Jahren für geplante vier Wochen hierhergekommen bin. Ich habe zu Hause große Sorgen bereitet, weil bin regelmäßig gewalttätig geworden und habe manchmal dabei ein Taschenmesser benutzt. Ich bin mit einer Kinderbande umhergezogen. Meine Eltern dachten die, eine längere
Fernreise ohne die Bande sei hilfreich. Doch als ein paar einheimische Jugendliche uns bedrängt hatte, um von uns Europäern etwas zu bekommen, bin ich ausgerastet und habe einen Jungen schwer verletzt."

Sie wird nachdenklich und spricht dann weiter:"Als ich das Urteil hörte, nämlich Zwangsarbeit mit Begnadigungsmöglichkeit nach 8 Jahren oder Hinrichtung nach frühestens 4 Jahren ist mir erst richtig klar geworden, wie ich mich schon in meinen gerade 13 bald 14 Jahren zum Schlechten entwickelt hatte. Dann plötzlich kam die erwachsene Seite stark aus mir heraus. Ich habe zu meinen Eltern regelrecht befehlend gesagt, sie sollen nicht versuchen, mich hier rauszuholen.
Ich bin leicht auf dumme Gedanken zu bringen und habe auch zu Hause viel Mist gebaut. Jetzt wollte ich als Buße dafür mein Schicksal als Kettensträfling annehmen. Das habe ich noch vor Gericht deutlich gesagt und auch, daß die Presse sowohl hier als auch im Ausland sich sehr zurückhalten soll. Meine Eltern waren überrascht."

Sie wirkt ein wenig traurig, als sie weitererzählt:"Mein Verhältnis zu meinen Eltern ist nicht sehr gut und zu Hause habe ich nie gute Freunde und eine schwere Kindheit gehabt. Das war neben der Angst, durch viel Wirbel um sie als Sträfling zum Außenseiter zu werden, der Grund, daß ich entschieden abgelehnt habe, hier herausgeholt zu werden. Ich bereue ihre Entscheidung überhaupt nicht. Meine große Schwester hat mir versprochen, gegen Medien, die über ihr Schicksal ausgiebig und reißerisch berichten, vorzugehen. Mit meiner großen Schwester verstehe sie mich gut."

Sie redet weiter:"Neben Mißgunst seitens einiger Mitstràflinge schweißt das gemeinsame Schicksal mit anderen wiederum zusammen. In Freiheit habe ich noch nie so viel Vertrautheit erlebt wie hier. Ich die nächsten Jahre auf jeden Fall hier bleiben. Wenn ein Freund oder eine Freundin sich eines Tages entschließt, um Begnadigung zu ersuchen, werde ich vielleicht dasselbe tun und mit ihm oder ihr in eine Wohnung oder Hütte ziehen. Aber vielleicht werde ich auch bis ans Lebensende hier bleiben. Fest steht für mich, daß ich hier im Land bisher am glücklichsten war, auch wenn das widersinnig klingt und will aus diesem Land nie wieder weg. Hier habe ich Freunde gefunden. Das ist mehr wert als Wohlstand. Die Arbeiten mache ich gerne. Wenn sie abends müde ist, freue ich sich schon auf meinen Liegeplatz, die gemeinsame Mahlzeit und das Einschlafen im Stroh angelehnt an die Liegenachbarin. Allerdings weiß ich nicht, wie ich mich früher bei den
entsetzlichen Zuständen gefühlt hätte."

Annika sagt nun:"Ich verstehe Dich. Bei uns ist das etwas anders. Wir haben etwas Heimweh nach Eltern und Freunden. Das ist bei Dir ja anscheinend nicht der Fall."

Sie führt weiter aus:"Nein, Heimweh habe ich gar nicht. Ich würde wohl in Frankreich ein paar Mitsträflinge so sehr vermissen. Es ist klug gewesen, erträgliche Zustände in den Straflagern zu schaffen, weil so die Lager viel einfacher zu führen sind. Es gibt noch viel weniger Fluchtversuche als früher unter Androhung von schwerster Gewalt und Demütigung, wie erzählt wird. Seit einem Jahr hat es hier schon keinen einzigen Fluchtversuch mehr gegeben, weil es ein paar Aufseher verstehen, den meisten klarzumachen, daß sie ein gerechtes Urteil bekommen haben. Wer Peitschenhiebe oder Einzelbunker bekommt, hat es auch verdient. Immerhin darf meine große Schwester mich sonntags eine Stunde besuchen. So viel habe ich bereits erarbeitet. Ich habe die Furcht, daß ich in Freiheit wieder in alte Bahnen zurückfallen würde. Vielleicht ist das ja nach 10 Jahren anders."

Die Arbeit ist für Annika und Vera als Neulinge sehr anstrengend. Sie erinnern sich an die Ausführung bei ihrer Ankunft, daß man sich Vergünstigungen erarbeiten muß. Also alles geben! Dann endlich Mittagspause unter ein paar Bäumen. Die anderen Stràflinge versichern ihnen, daß sich ihr Körper dran gewöhnen wird. Abends,ist Rückmarsch. Drei waren vorher zurückgegangen, um im Lager das Essen vorzubereiten. Dann müssen alle im Lager unter die Dusche und sich mit geraspelter Seife reinigen. Annika und Vera versuchen, die Hemmung, sich vor allen nackt auszuziehen, auszublenden. Zumal der Staub und Schweiß vom Tag die Freude über die Dusche die Scham überwiegen läßt. Auch wenn es keine gewohnte Badewanne oder die Dusche für einen allein ist, tut es gut. Dann erhält jeder eine Schale mit Reis und Gemüse und dazu einen Löffel. Obwohl das Essen einfach ist, schmeckt es nicht schlecht. Dann geht es in die Hütte. Annika und Vera bitten darum,
jetzt schon angekettet zu werden. Sie sind so totmüde, daß sie mit dem Schlafen nicht bis 23 Uhr warten wollen. Das wird dann auch gemacht. Sie haben tatsächlich einen Tag Zwangsarbeit überstanden und haben schon angenehme Gespräche mit Mitsträflingen gehabt! So vergeht die Woche. Am Samstagabend bekommen sie ein Blatt Papier mit einer Nachricht von ihren Eltern. Sie schreiben, daß es ihnen leidtut, daß sie im Straflager sind und in zwei Wochen kommen werden, um mit einem Rechtsanwalt etwas zu unternehmen und an die deutsche Presse zu gehen. Sie schreiben zurück, daß sie es selbst schuld seien und es nicht so schlimm wie befürchtet sei. Sie hätten sich mit anderen schon angefreundet. Eigentlich sei es besser, zu arbeiten als den ganzen Tag Wände anzustarren. Unter einigen Mitsträflingen werden sie für ihre helle Hautfarbe und blonden Haare bewundert. Sie bittet darum, noch etwas abzuwarten, bevor sie von zu Hause etwas unternehmen.

Annika gibt gegenüber Vera zu, daß sie schon immer eine masochistische Neigung habe. So langsam gefalle Ihr die Rolle als Sträfling. Die Fuß- und Handeisen möge sie auch an sich. Vera meint auch, daß sie sich an das Lagerleben gewöhnt habe. Annika spricht schließlich von Gefängnisromantik.

Dann kommen die Familien der beiden Mädchen zu Besuch. Sie dürfen Annika und Vera eine Stunde lang am Samstag und am Sonntag sehen. Weil sie sich einwandfrei verhalten haben und die Familien von weither kommen müssen, wird es ihnen zugestanden. Es fließen Tränen und innige Umarmungen. Es wird angemerkt, daß sie trotz der Ketten und des Sträflingshemdes überraschend gut aussehen und sie erleichtert seien, daß die beiden ihr Lächeln nicht verloren haben. Beide sagen, sie haben ihr Schicksal angenommen und es gehe ihnen gut. Der Aufseher, der dabei ist, hat Tränen in den Augen und fragt, ob er mal etwas sagen dürfe. Alle nicken zustimmend, nachdem Vera und Annika für ihre Familien übersetzt haben. Dann sagt er, daß die beiden zwar auf die schiefe Bahn gekommen waren, aber im Lager sich als liebenswerte Mädchen zeigen.

Annika und Vera machen ihren Eltern klar, daß sie nicht gegen ihr Urteil vorgehen sollen. Der Ausgang sei ungewiß und mache sie dann zu Sonderlingen. In ein paar Jahren sehen sie weiter. Außerdem befürchten die beiden, daß sie im deutschen Gefängnis lange Zeit Langeweile haben werden. Sie fürchten auch, daß im deutschen Gefängnis mehr üble Verbrecher sind als hier in Westafrika im Lager aufgrund der strengeren Urteile als in Deutschland. Die Familie eines Mitstràflings hat angeboten, daß die Angehörigen und Freunde von Annika und Vera demnächst bei ihnen während ihrer Besuche unterkommen

Vera fragt die Mitstràflinge, was das soll mit dem Satz im Urteil "Hinrichtung nach frühestens 5 Jahren". Darauf erklärt ein Mitsträfling, daß es manchmal Menschen gibt, die zur Reue kommen und dann ihr leben selbst als verwirkt ansehen. Außerdem gibt es solche, die sich mit dem Sträflingsdasein nicht abfinden wollen und lieber sterben wollen. Außer bei Verbrechen will man aber den Verurteilten unbedingt noch etwas für die Allgemeinheit leisten lassen. Das mit dem Ersuchen auf Begnadigung und dem Verzicht auf feste Haftzeiten hat den Sinn, daß Stràflinge beweisen sollen, daß sie sich gebessert haben. Andererseits zeigt die Erfahrung, daß manche langjährige Stràflinge in der Freiheit nicht zurechtkommen. Das liegt teilweise auch an der Persönlichkeit mancher, die straffällig werden. Keiner soll hier gegen den Willen entlassen werden. Im Gegensatz zu vielen Industrieländern kostet die Unterbringung wegen der Arbeit der Stràflinge und der
einfachen Hütten unterm Strich kein Geld. Es bringt sogar noch ein wenig Geld ein."
Annika fragt :"Wer will denn nicht in die Freiheit zurück?" Der Mitsträfling antwortet:"Nach ein paar Jahren werdet ihr es besser verstehen, was ich Euch erzählt habe."

Annika und Vera gewinnen schnell das Vertrauen von Mitstràflingen und Aufsehern. Es gibt natürlich auch Mitsträflinge, die Streit suchen und sich sehr grob benehmen, weil sie aus äußerst einfachen Verhältnissen kommen. Aber sie haben gelernt, sich nicht herausfordern zu lassen. Sehr streitsüchtiges Verhalten wird auch mit Peitschenhieben und Käfig bestraft, so daß im Lager meistens keine größere Unruhe vorkommt.

Eines Tages werden Annika und Vera für Arbeiten in der nahegelegenen Stadt eingeteilt. Sie haben sich mittlerweile sehr an das Lagerleben gewöhnt und nach ein paar Tagen schämen sie sich gar nicht mehr, als Sträflinge in der Stadt erkannt zu werden. Die Gemeinschaft mit anderen hilft allen, verächtliche Blicke und Rufe wegzustecken. Aber es gibt auch freundliche Gespräche während der Mittagspause. Ein paar Einheimische kommen auf Vera und Annika zu und sprechen mit ihnen:"Einige behandeln Euch wie Dreck. Wir möchten Euch zeigen, daß Ihr für uns Menschen seid, auch wenn Ihr auf die schiefe Bahn geraten ward. Es ist bestimmt hart für Euch, hier in solch einem Lager zu leben." Darauf antwortet Vera:"Wir haben großen Mist gebaut, wofür wir jetzt Sträflinge sind. Die ärmeren Lebensbedingungen geben uns als Europäer nicht das Recht, uns erhaben zu fühlen. Uns feige mit Hilfe europäischer Anwälte und Behörden aus der Verantwortung zu stehlen
kam für uns nicht in Frage. Nur bei schwerer Folter hätten wir um Hilfe aus Europa ersucht. Die deutsche Justiz ist vielfach zu lasch." Dann wünschen die Einheimischen ihnen noch alles Gute und meinen, sie sehen sich die nächsten Tage bestimmt noch öfter.

Am Abend erzählt ein Mitsträfling etwas, was ihnen die Sprache verschlägt. Eine Frau mit Namen Oboya erklärt, daß sie ab morgen nicht mehr hier in der Hütte sein wird. Sie werde morgen hingerichtet, nachdem das Gericht nach ihrem Antrag, die Reststrafe in die Todesstrafe umzuwandeln, einen Termin festgesetzt hat. Die 5 Jahre Arbeitslager seien für sie um, wo das möglich ist. Nach einigen traurigen und erschrockendn Blicken und Fragen erklärt sie weiter, daß sie ihr Leben verwirkt habe und lieber sterben will als mit ihren Schuldgefühlen weiterzuleben. Als Zeichen ihrer wahren Reue für ihr früheres Leben hat sie für sich verlangt, vor der Stadt gepfählt zu werden. Es wird ganz still in der Hütte. Als sie am nächsten Morgen zur Hinrichtung geführt wird, umarmen fast alle sie und haben Tränen in den Augen. Nur drei aus der Hütte meinen, sie sei eine Hure und sie seien froh, wenn sie nicht mehr hier ist. Darauf wird Florence sehr wütend
und prügelt auf die Spottenden ein. Ein Aufseher schreitet ein und führt Florence ab. Als er sie streng ansieht, sagt sie aufgeregt:"Wieder hat mein grenzenloser Jähzorn mich zu Gewalt verleitet wie schon zu Hause. Ich schäme mich dafür. Bitte straft mich dafür, wie ich es verdient habe." Der Aufseher antwortet:"Sollst Du kriegen. Zwanzig Peitschenhiebe und zwei Wochen Käfig. Aber diejenigen, die Oboya beschimpft haben, bekommen auch ihre Strafe dafür."

Florence wird zum Käfig geführt, der noch auf dem Boden steht. Ihr wird befohlen, sich ihr Sträflingshemd auszuziehen und sich in den Käfig zu setzen. Der Käfig besteht aus Stahlgittern, die zum sitzen nicht gerade bequem sind. Dann wird die Käfigtür geschlossen, nachdem Hand- und Fußketten zusammengekettet worden sind. Dann wird der Käfig an einem Querbalken hochgezogen. Dann sagt der Aufseher noch:"Das Auspeitschen sparen wir uns für heute Abend nach der Mahlzeit auf, wenn die anderen von der Arbeit zurück sind. Du wirst getränkt und gefüttert, weil es in dieser Fesselung selbständig nicht möglich ist. Die Körperreinigung erfolgt durch gründliches Abspritzen."

Dann kommt der Abend. Florence wird von Mitsträflingen Essen und Trinken zugeführt. Sie erklärt dann denen, die es nicht gesehen haben, zögerlich, was geschehen war. Sie finden die harte Bestrafung etwas ungerecht, weil ihr Ausrasten nicht ohne Grund war. Darauf meint Florence, daß ihre Bestrafung doch ihren Sinn hat, weil sie nicht hätte dermaßen die Gewalt über sich hätte verlieren sollen. Schließlich wird sie noch einmal zu Boden gelassen und dann aus dem Käfig geholt, um zwanzig Peitschenhiebe zu bekommen. Sie erhält sie in der Fesselung mit aneinandergeketteten Hand- und Fußeisen. Sie wird an den Fuß- und Handfesseln am Querbalken, wo auch der Käfig hochgezogen wird, hochgezogen. Sie stöhnt zuerst und läßt dann auch ein paar Schmerzensschreie heraus. Als sie wieder heruntergelassen wird, sagt sie noch:"Danke für die Peitschenhiebe" Der ausführende Aufseher schaut etwas verunsichert. Daraufhin meint Florence:"Ich meine das Ernst.
Ich darf mich nicht zu Gewalt und Straftat hinreißen lassen.".

Auch die drei Sträflinge, die Oboya beschimpft hatten, sind in Käfige gesperrt und werden für die Peitschenhiebe heruntergelassen und dann an den Hand- und Fußeisen befestigt hochgezogen. Dann warnt der Aufseher davor, wüste Beschimpfungen loszulassen. Weil es für jede Beschimpfung einen Peitschenhieb mehr gibt. Dann hört man Stöhnen und auch ein paar Schmerzensschreie. Danach werden sie wieder in ihre Käfige zurückgebracht und diese hochgezogen. Die drei haben aber nur je 10 Peitschenhiebe und fünf Tage im Käfig als Strafe verordnet bekommen. Es herrscht im Lager betretene Stille.Zum Schluß werden die Wunden der Sträflinge im Käfig noch abgewaschen, um Keime in den Wunden zu verhindern.

Dann äußert Annika, daß sie sich bei der Ausreitschuung sehr erregt gefühlt habe. Sie hätte gerne auch welche bekommen. Sie würde auch gerne einmal im Käfig sitzen. Aber dafür gewalttätig werden, um diese Strafe zu bekommen, kommt für sie nicht in Frage. Vera ist erstaunt und meint dann, sie solle doch einfach einen Aufseher fragen, ob sie nicht einmal Peitschenhiebe bekommen kann. Mehr wie ablehnen werde er oder sie gewiß nicht. Dann, am nächsten Morgen, hat sie tatsächlich einer Aufseherin gesagt, daß sie gerne nachempfinden würde, was die arme Florence gefühlt hat. Als sie zum Mahlzeitendienst eingeteilt ist, meinte Uginda, daß sie ihr zehn Peitschenhiebe geben könne, wenn keiner etwas sieht. Denn sonst gehe das Gerede los, was sie verbrochen hat. Sie solle niemandem etwas erzählen. Sie wolle ihr nur deshalb diesen verqueren Wunsch erfüllen, weil sie so ein liebenswertes Mädchen ist. Als Annika zehn Hiebe bekommen hat, sagt sie zu
Uginda:"Vielen Dank. Wenigstens einmal ausgepeitscht werden gehört doch zum Sträflingsleben." Am Abend zeigt Annika Vera heimlich und stolz die Striemen. Darauf meint Vera, daß sie doch recht hatte, daß sie einmal beiläufig fragen solle. Dann, als sie wieder aneinandergekuschelt in der Hütte liegen, sagt Annika zu Vera, daß sie es inzwischen hier in der Hütte abends vor dem Einschlafen richtig gemütlich findet.

Nach zwei Wochen kommt Florence zurück in die Hütte und zur Arbeit. Sie fängt an zu erzählen:"Das war über so lange Zeit ganz schön unbequem in dieser nach vorne gebeugten Haltung. Mir tun immer noch die Knochen weh. Endlich darf ich wieder wie ein Mensch arbeiten und selbständig essen. Trotzdem war die Bestrafung gerecht. Wie die Wärter auch auf Proteste gesagt haben, bricht hier irgendwann ein völliges Durcheinander aus, wenn Ausschreitungen nicht hart bestraft werden. In Westeuropa wird doch viel zu lasch bestraft. Und dann beschweren sich einige noch darüber. Sollen die doch mal hier ins Arbeitslager kommen. Wie schön, wieder mit Euch hier einzuschlafen." Einige Mitsträflinge in der Hütte sagen dann "Herzlich willkommen zurück. Bitte laß Dich nicht wieder so zum Gewaltausbruch hinreißen. Das könnte das nächste Mal Deine Hinrichtung sein." Florence antwortet:"Ich hoffe, daß ich es endlich schaffe, ein friedlicher Mensch zu werden.
Wenn die mich dann beim nächsten Gewaltausbruch hinrichten, habe ich es nicht besser verdient. Dann kann man mich auf die Menschheit nicht mehr loslassen." Leider läßt sich Florence zu weiteren kleineren Ausschreitungen hinreißen und erhält dafür Peitschenhiebe und ein paar Tage Käfig.

Das Schicksal meint es zunächst mit Florence nicht so gut. Eines Tages beleidigt ein Mitsträfling Florence als französische lesbische Hure, weil sie ihm nicht befriedigen wollte und kurz danach Annika und Vera umarmt und weint. Sie rastet diesmal wieder aus und schlägt den Belästiger in der Mittagspause nieder. Andere Mitsträflinge greifen ein, um Schlimmeres zu verhindern. Nachdem sich die Lage wieder etwas beruhigt hat, erkennt sie das Ergebnis ihres Gewaltausbruchs. Weinend redet sie auf den herbeieilenden Aufseher ein:"Ich ändere mich nie. Was habe ich wieder getan? Ist er bewußtlos? Bitte hängt mich. Ich habe nichts anderes verdient. Sie haben mich schon zu oft vor dem Strang bewahrt. Mein Leben ist verwirkt. Eigentlich habe ich einen qualvolleren Tod verdient. Ich will wie die Frau damals gepfählt werden. Ich will nur meine Familie noch mal sehen. Bitte." Dann wird sie in den Käfig gesteckt. Annika und Vera fragen, ob sie nach Rückkehr
von der Arbeit etwas mit Florence reden dürfen. Es wird ihnen bis zur Nachtruhe gestattet.

Annika sagt dann:"Wir sind so tief betroffen von Deinem Schicksal. Eigentlich hast Du die Todesstrafe nicht verdient. Du hast Dich einfach kaum im Griff. Aber Du bist im Herzen kein schlechter Mensch."

Darauf Florence:"Aber ich habe Menschen schon halb tot geschlawill ich auch sterben."

Darauf Vera:"Bitte hör auf damit. Denke mal an die Mitsträflinge, die Dich mögen. Du hast noch eine Chance verdient. Du bist gerade 18. Willst Du die für immer jetzt zurücklassen? Dieser Scheißkerl gehört hingerichtet, aber nicht Du! Wir schreiben zusammen einen Brief ans Gericht, wo Du die ganzen Annäherungen bei der Arbeit, seit er in unserer Hütte ist, schilderst"
Florence stimmt ihr schließlich zu. Nachdem sie mit Vera gesprochen hat, ruft sie die Aufseherin herbei und bittet darum, bis zum Morgen nahe bei Florence in einen Käfig gesperrt zu werden. Nach etwas Zögern läßt sie einen Käfig herunter auf den Boden und Annika steigt mit Mühe hinein, nachdem sie sich ihr Sträflingshemd ausgezogen hat. Dann zieht sie den Käfig wieder hoch. Vera kommt herbeigelaufen und sagt:" Bukungo hat schon mehrere Annäherungrversuche an Florence gemacht. Ich und Annika sind Zeugen. Auch drei Mitsträflinge haben sich als Zeugen gemeldet. Die Aufseherin meinte dazu:"Wir werden Eure Hütte besonders im Auge behalten. Dieser Scheißkerl kann es nicht lassen. Er soll entweder in ein Lager für Schwerverbrecher kommen oder an den Galgen. Dieser Scheißkerl. Hat den Richter erfolgreich verarscht und der hat geglaubt, daß er kein Fall für Schwerverbrecherlager ist."

Dann sagt Florence zu Annika:"Das werde ich Dir nie vergessen! Wie soll ich das wieder gut machen? Das haben sie bestimmt deshalb gemacht, weil Du Dir so viel Vertrauen erarbeitet hast. Ich wünschte, ich hätte mich so im Griff wie Ihr" Darauf Annika:"Ich habe Dich gern. Das tue ich doch gerne für Dich. Außerdem habe ich eine masochistische Neigung und verbringe gerne in diesem Käfig. Beruhige Dich. Ich bin heute macht ganz nah bei Dir. Ich behalte Dich in Zukunft mehr im Auge." Weil beide totmüde sind, schlafen sie trotz der Enge ein.

Am Abend des nächsten Tages, nachdem Annika von der Arbeit zurück im Lager ist, wird Florence ins Büro zum Lagerleiter geholt. Annika und Vera gehen mit dorthin. Dann sagt Florence:"Wegen ein paar Mitsträflingen, die sie nicht zurücklassen will, will ich lieber eine andere harte Bestrafung als die Hinrichtung. Aber ich habe verdient, den ganzen Oberkörper blutig gepeitscht zu bekommen und die schlimmste Arbeit zu erhalten." Darauf Annika:"Wir haben sie zur Vernunft gebracht. Dieser Scheißkerl hat eher die Hinrichtung verdient als Florence." Darauf erwiderte der Lagerleiter:"Das sehe ich nach den Schilderungen der Aufseher genauso. Der Scheißkerl muß weg. Entweder ins Schwerverbrecherlager oder an den Galgen. Der ist heute bei sexuellem Mißbrauch eines Mitsträflings erwischt worden. Ich werde das dem Gericht mitteilen." Darauf verlassen sie das Büro.

Dann geht Annika zu Ubungo und beschimpft ihn als Hurenbock und tritt ihn in den Bauch. Darauf ruft sie die Aufseherin und sagt:"So, jetzt sperrt mich neben Florence in den Käfig und verabreicht mir Peitschenhiebe. Aber das mußte ich loswerden, auch wenn ich sonst hier immer lammfromm bin." Dann folgt sie der Aufseherin zu den Käfigen, zieht sich ihr Sträflingshemd aus und steigt in den Käfig, worauf die Hand- und Fußeisen miteinander verbunden werden. Sie besteht darauf, zwei Wochen im Käfig eingesperrt zu werden und mindestens zehn Peitschenhiebe.

Zwei Tage später kommt die Entscheidung des Richters. Ubungo wird morgen in der Stadt durch den Strang hingerichtet. Florence wird nicht hingerichtet. Sie soll mindestens vierzig Peitschenhiebe und drei Wochen Käfig bekommen. Es heißt aber, daß sie bei der nächsten Gewalttätigkeit hingerichtet werden muß. Außerdem wird die Zeit bis zur möglichen Begnadigung auf 15 Jahre seit Verhaftung verlängert. Eine Aufseherin kommt herbei, um das mitzuteilen. Darauf fragt Annika:"Bist Du zufrieden mit dem Ergebnis?" Florence erwidert:"Ja, bin ich. Das ist eine richtig harte Bestrafung, wie ich sie verdient habe, wenn ich schon kein Todesurteil bekomme." Dann sagt Annika mahnend:"Aber Du mußt Dich von jetzt an beherrschen. Ich werde ein Auge auf Dich haben. Und bei Ubungo habe ich einen ordentlichen Tritt verpaßt. Dafür lasse ich mich gerne bestrafen."

Am Abend werden einigen Peitschenhiebe verabreicht. Denn Florence ist nach ihrer Gewalttätigkeit von einigen Mitstràflingen wüst beschimpft worden. Annika wurde von ein paar mit Hexenknecht beschimpft. Doch sie beherrscht sich. Andere haben Ubongo beschimpft ,bespuckt und im Vorbeigehen ihm eine Ohrfeige verpaßt, als er zur Hinrichtung abgeführt worden ist. Doch Florence bekommt vierzig Peitschenhiebe. Um auch die Brust zu erreichen, wird die Verbindung zwischen Hand- und Fußeisen gelöst. Nach zehn verabreichten Hieben weint und wimmert sie. Immer wieder sind Schmerzensschreie zu hören. Als sie wieder in den Käfig zurückgesteckt wird, nachdem man ihre Wunden abgewaschen hat, zittert sie ein wenig und stöhnt noch für einige Minuten vor Schmerzen. Annika nimmt ihre zehn Hiebe ganz still hin. Abends erzählt sie Florence dann:"Arme Florence. Ich hätte gerne für Dich alles ausgestanden." Florence erwidert:"Weißt Du, ich hab's verdient. Sonst
lerne ich es nie, mich im Zaum zu halten."

Eines Sonntags werden Annika und Vera von einer Aufseherin gerufen, daß sie kommen sollen, weil Besuch auf sie wartet. Sie wundern sich, wer das sein könnte. Ihre Familien sind doch nicht gekommen. Dann erkennen sie die eine einheimische Frau und zwei einheimische Männer, welche sie bei den Arbeiten in der Stadt immer treffen. Die Frau sagt dann:"Na, da seid Ihr ja. Ihr seid so liebenswert, daß wir dachten, wir besuchen Euch am Sonntag. Wir haben schon alles abgesprochen. Wir nehmen Euch jetzt für drei Stunden mit und zeigen Euch die Umgebung und machen ein Picknick. Weil Ihr Euch so gut führt, war man einverstanden." Annika und Vera sind zu Tränen gerührt und umarmen alle drei, wie es mit Handeisen möglich ist und geben ihnen einen Kuß. Dann sagt Vera:"Aber wie kommen wir als Europäer zu der Ehre?" Dann antwortet ein Mann:"Wir haben Euch einfach gern. Ihr seid nicht diese überheblichen Europäer, die sich wundern, daß sie auf einmal für
Straftaten hier hart bestraft werden. Ihr seht Eure Fehler ein und wir glauben, das war ein blöder Fehltritt. Kommt jetzt mit." Dann melden sich Vera und Annika noch ab und bedanken sich. Es folgen im Laufe der Zeit weitere Besuche von ihnen.

Schließlich ist wieder die Zeit, wo die Familie von Vera oder Annika zu Besuch sind. Sie haben abgesprochen, daß beim Besuch einer Familie beide Mädchen zum Besuch willkommen sind. Die beiden Familien haben sich durch die Haft der beiden angefreundet. Diesmal kommt Annikas Familie. Es fließen wieder Tränen und alle umarmen sich sehr ausgiebig. Dann meint die Mutter:"Ihr seht gut aus. Anscheinend ist die Verpflegung nicht so schlecht. Werden die Sträflingshemden gewaschen?" Annika antwortet:"Ja, zweimal in der Woche müssen wir die Sträflingshemden waschen. Wenn sie dann anfangen, abgenutzt aussehen, gibt es ein neues. Einige einheimische Sträflinge haben uns erzählt, daß sich in den letzten Jahren einiges besser geworden ist. Früher habe es gar keine Körperreinigung und kein neues Sträflingshemd und auch keine Sauberkeit gegeben haben. Das muß ja richtig widerlich gewesen sein. Aber es ist richtig, daß Sträflinge es nicht so bequem haben
sollten wie bei uns in Deutschland. Es ist auch ganz gut, daß durch die strengeren Urteile hier keine üblen Verbrecher sind. Die sind in anderen Lagern. Inzwischen verstehe ich die Haltung hier. Bei strengen Strafen kann man sich sicher im Land fühlen."
Der Vater antwortet:"Wir sind eben ein Industrieland, wo Menschen milder behandelt werden. Aber gut, daß Ihr Euch anscheinend mit bei diesen ärmlichen Zuständen zurechtkommt. Wir hätten Euch gerne wieder in der Nähe."

Darauf meint Vera:"Ich wäre manchmal auch wieder gerne in Bonn. Aber andererseits habe ich hier im Lager einige Freundschaften geschlossen. Sogar ein paar Einheimische waren uns besuchen, nachdem wir sie immer bei Arbeiten in der Stadt getroffen haben. Wir waren so gerührt, daß sie Europäer so gerne haben, daß sie uns besuchen. Uns hat es leidgetan, wie die junge Französin Florence für ihren Gewaltausbruch gegen drei Sträflinge, die eine Frau, die zur Hinrichtung geführt worden ist, beschimpft haben, bestraft worden ist. Sie hat zwanzig Peitschenhiebe bekommen und mußte zwei Wochen im engen Käfig verbringen. Wir waren aber beeindruckt, wie sie es hingenommen hat. Sie meinte, daß sei für sie eine gerechte Bestrafung gewesen."
Darauf die Mutter:"Euch muß man einfach gerne haben. Ihr seid auf falsche Wege gekommen. Das heißt aber nicht, daß Ihr nicht liebenswert seid. Ihr seid ja keine Verbrecher gewesen. Was die mit Florence gemacht haben, ist schon Folter."
Dann Annika:"Nach europäischen Maßstäben ja. Die meinen hier, Ausschreitungen gegen andere dürften auf keinen Fall geduldet werden. Sonst breche die Ordnung im Lager zusammen. Was erzählt wird, waren Bestrafungen hier willkürlich und für kleinste Anlässe. Es tut uns leid, wie wir zu Hause gelebt haben."
Der Vater erwidert:"Ist schon gut. Wenigstens habt Ihr Eure wohl sehr harte Lektion gelernt." Vera und Annika gehen mit Annikas Eltern noch zwei Stunden in die Stadt und kommen dann wieder ins Straflager. Den Eltern ist es ein wenig unangenehm, mit ihnen in Sträflingshemd und in Ketten in der Stadt unterwegs zu sein. Doch sie müssen sich überwinden, weil diese Kleidung Pflicht ist. Ein wenig legt sich das unangenehme Gefühl, als Vera und Annika von einigen vorbeigehenden Einheimischen gegrüßt werden, als seien sie gewöhnliche Bürger. Doch die verächtlichen Blicke und Bemerkungen sind für sie umso unangenehmer. Darauf antworten sie mit Selbstbewußtsein, daß sie Menschen sind, die große Fehler gemacht haben und stolz darauf sind, die Strafe dafür zu tragen, wobei sie mit etwas Stolz auf ihre leicht glänzenden Hand- und Fußeisen vorzeigen.

So vergehen fünft Jahre im Straflager. Eines Tages wird Annika und Vera mitgeteilt, daß sie sich als so vertrauenswürdig erwiesen haben, daß man ihnen die Hand- und Fußeisen abnehmen möchte. Doch sie antworten, daß sie sie behalten wollen. Mittlerweile tragen sie sie mit Stolz als Zeichen, daß sie für ihren Fehltritt die Verantwortung tragen. Darauf antwortet der leitende Aufseher, daß man sie ihnen nicht gegen den Willen abnehmen werde. Das monatliche Taschengeld wurde schrittweise auf 30.000 CFA-Francs monatlich erhöht. Zu Weihnachten kommt immer eine Familie zu Besuch. Für die Kinder in der Verwandtschaft geben sie einige CFA-Franc-Scheine mit. Die Familien von Annika und Vera lernen auch Gabilo, Mbarena und Kibisho aus der Stadt kennen.

Dann sind die 10 Jahre um, wo Annika und Vera die Begnadigung beantragen können. Sie sind sich unsicher, ob sie es tun wollen. Einerseits sind sie traurig, hier in Westafrika einige zurücklassen zu müssen. Andererseits wollen sie wieder in der Nähe ihre Familie sein. Die allerbeste einheimische Freundin im Straflager, Nubunja, will ebenfalls ihre Begnadigung beantragen und dann eine Zeitlang in Deutschland arbeiten. Sie hat davon gehört, daß viele Afrikaner auf öffentlichen WCs als Reinigungs- und Aufsichtskräfte arbeiten. Dann beschließen sie, daß sie alle drei die Begnadigung beantragen. Sie schreiben in den Brief an das Gericht, daß sie einen schweren Fehltritt getan haben und nun ihre Lektion aus dem Straflager gelernt haben. Sie wissen nun, wie man sich in der Gesellschaft zu verhalten habe. Dann werden sie zum Gericht bestellt. 50 km Fußmarsch sind angesagt, wie nach dem Urteil. Sie erscheinen vor dem Richter, welcher schließlich verkündigt:"Ich habe einen Bericht des Lagers 23 vorliegen, wonach ihr Euch einwandfrei geführt habt. Gut, bei Annika Wielers war ein Vorfall gegen diesen Vergewaltiger. Aber das ist nichts gegenüber der tadellosen Führung im Straflager. Also der Rückmarsch zum Lager 23 ist morgen und dann werdet Sie umgehend in die Freiheit entlassen. Bei Ubunja ist die Freude grenzenlos. Bei Annika und Vera mischt sich die Freude mit Wermutstropfen. Einerseits werden sie wieder in der Nähe ihrer Familien sein. Andererseits müssen sie hier einige, mit denen sie Freundschaften geschlossen haben, zurücklassen.

Am Abend in der Hütte weinen Annika und Vera ohne Unterlaß, sowohl aus Freude, wieder in die Nähe ihrer Familien und Freunde in Deutschland zu kommen, als auch aus Trauer über das Zurücklassen der Freunde hier. Sie versprechen, daß sie von Deutschland schreiben wird und auch Bilder aus Deutschland schicken wird. Ihren Freunden verspricht sie, daß sie, sobald sie frei sind, sie in Deutschland besuchen dürfen. Ihre Eltern seien nicht arm und könnten ihnen Flugscheine bezahlen. Am nächsten Morgen werden sie zur Entlassung ins Büro des Lagerleiters gerufen. Er sagt:"Gute Heimreise. Wir werden Euch hier vermissen. Also dann mal runter mit den Hand- und Fußeisen. Ihr bekommt jetzt ein neutrales Kleid. Wollt Ihr Schuhe?" Darauf sagen Annika und Vera wie im Chor:"Nein!" Dann Vera:"Wir liebten es schon immer, barfuß zu laufen. Schuhe sind unbequem. Wir werden barfuß hier herausgehen. Und wir wollen alle beide als Andenken die Hand- und Fußeisen
sowie die Sträflingshemden mit nach Hause nehmen." "Natürlich dürft Ihr das als Andenken mitnehmen. Also, guten Flug nach Deutschland. Auf Wiedersehen. Oh nein, hoffentlich nicht!". Dann umarmen beide noch den Lagerleiter und verabschieden sich von den Mitsträflingen, wobei viele Tränen fließen. Sie bekommen noch 1.200.000 CFA-Francs ausgehändigt, das sind rund 2.000 Euro.

Sie verbringen noch drei Wochen zu Hause bei Gabilo, bis sie nach Deutschland zum Flughafen Frankfurt/Main abfliegen. Mbarena und Kabisho kommen täglich zu Besuch. Dann kommt der Tag des Abflugs. Auch beim Abschied von Gabilo, Mbarena und Kabisho fließen wieder viele Tränen. Wie durch ein Wunder hat Ubunja eine Aufenthaltsgenehmigung für zunächst drei Jahre bekommen, obwohl sie Sträfling gewesen ist. Vielleicht deshalb, weil sie vorher einen Abschluß als Ingenierin gemacht hat, bevor man sie mit Drogen erwischt hatte. Sie fliegt mit den beiden nach Deutschland, wo sie erst einmal bei Veras Familie wohnt.


In Bonn angekommen, erleben Annika, Vera und Ubunja einen Kulturschock. Alles läuft viel hektischer ab und die vielen wohlhabenden Leute mit teuren Autos und teure Kleidung an manchen Körpern. Zu Hause erwartet sie ein herzlicher Empfang durch die Familien. Alle sind glücklich, Annika und Vera wieder in ihrer Nähe zu haben. Alle drei, Annika, Vera und Ubunja schlafen die erste Zeit in einem Bett. Die erste Zeit ist schwierig für sie. Jeden Tag selbständig entscheiden, was sie machen werden. Ein paar Freunde von Annika und Vera wollen von ihnen nichts mehr wissen wegen ihrer Straffälligkeit. Sie wünschen sich in dem Augenblick zurück ins Lager 23 in Westafrika. Ubunja ist auch erschrocken über die Gleichgültigkeit und Kaltherzigkeit vieler Menschen, selbst wenn man ein Gespräch beginnen will. In Westafrika zeigen die Menschen entweder offen ihre Ablehnung oder ihre Zuneigung, aber es gibt kaum diese Gleichgültigkeit und Namenlosigkeit.

Sie lernt auch die Schattenseite des hohen Lebensstandards kennen, nämlich das selbst alltägliche Dienstleistungen recht teuer sind, was Bürger mit niedrigem Einkommen zu schaffen macht. Sie meint, daß alles Alltägliche in ihrer Heimat wenigstens billig ist. Freizeitgestaltung koste in Westafrika so gut wie kein Geld, weil man sich einfach zusammensetzt und Volkslieder singt oder zusammen spielt. Ubunja findet es sehr seltsam, daß das in Deutschland fast gar nicht üblich ist. Wer andere kennenlernen möchte, muß aus Gruppenzwang oft etwas mitmachen, was Geld kostet.

Vera und Annika laufen in Bonn barfuß und mit knielangem Kleid, solange das Wetter es zuläßt. Sie laufen auch noch im November durchweg so durch die Gegend und ernten erstaunte Blicke. Erstaunte Blicke sind sie aus der Lagerzeit gewohnt.Sie ertragen es ohne Arbeit nicht mehr und suchen nach Arbeit. Sie bewerben sich für eine Ausbildung in der Entwicklungshilfe. Sie erwähnen im Vorstellungsgespräch die Lagerzeit in Westafrika. Sie hätten dort Selbstmaßregelung und hart Arbeiten gelernt. Die Arbeitgeber sind tatsächlich überzeugt und stellen sie ein. Bis dahin arbeiten sie als verschiedene Aushilfskräfte in der Landwirtschaft und als Bedienung in der Gastwirtschaft.

Ihre Verwandten sind erstaunt über das Verhalten von Annika und Vera. So kannten sie sie bisher nicht. Sie glauben, daß die harte Lagerzeit sie zu jungen Frauen mit Fleiß und Durchhaltevermögen geformt hat. Wer weiß, ob das so gekommen wäre, wenn sie im deutschen Gefängnis gelandet wären. Jetzt glauben sie, daß das Arbeitslager für sie eine wertvolle Erfahrung gewesen ist. Ubunja sieht sich einigen Vorbehalten wegen ihrer afrikanischen Herkunft gegenüber. Sie meint etwas bissig, daß die Türken hier ihre Viertel haben, wo sie bei Landsleuten arbeiten können. Schließlich wird sie als Klofrau in einem Kaufhaus eingestellt. Besser als nichts und weniger beliebte Arbeit kennt sie schon aus dem Lager. Zur Macht und anderen unauffälligen Gelegenheiten tragen Annika und Vera die Hand- und Fußeisen aus dem Lager, weil sie sich nach den Jahren in ihnen wohlfühlen. Das ist für sie ein Stück Erinnerung an das Lager und die Freunde dort. Die Hand-
und Fußeisen sowie die Sträflingshemden hüten die beiden wie einen Schatz, was die verbliebenen Freunde aus Bonn kaum verstehen.

Florence schreibt an Annika,Vera und Ubunja: Liebe Vera, Annika und Ubunja, Es ist eine 16-jährige Engländerin neu gekommen, die sich mit mir angefreundet hat. Ich habe mich jetzt mehr unter Gewalt. Ich will nie wieder von Westafrika fort, denn an Frankreich bindet mich nichts mehr. Ich weiß noch nicht, ob ich um Begnadigung ersuchen soll. Einerseits weiß ich nicht, ob meiner Entlassung überhaupt zugestimmt wird. Dann fürchte ich, daß ich in Freiheit wieder zu einem Leben in Gewalttätigkeit und Straffälligkeit zurückfallen werde. Der Lageralltag mit der Arbeit, der allgegenwärtigen Gemeinschaft und den Bestrafungen gibt mir einen sicheren Halt fürs Leben, den ich so nötig habe. Diesen strengen Alltag gibt es im französischen Gefängnis nicht. Die Hand- und Fußeisen vermitteln mir einen fühlbaren Halt. Mein Sträflingshemd und die Hand- und Fußeisen und sogar Striemen der Peitsche trage ich mit großem Stolz. Leute, die verächtliche
Blicke und Bemerkungen loswerden, sollen mich am Arsch lecken. Sie wissen nicht, wie es ist, ein leicht zu Dummheiten verführbarer Mensch zu sein. Wenn man sich als freundlichen Menschen zeigt, wird man von anderen in der Stadt auch freundlich angesprochen. Das kennt Ihr doch. Bitte denkt an mich. Eure Florence."

Während ihrer Arbeit in der Entwicklungshilfe sind Annika und Vera immer wieder zu Besuch in Westafrika. Bei ihren Besuchen im Lager 23 freuen sich viele riesig. Auch in der Stadt freuen sich ein paar Leute jedesmal so sehr, sie wiederzusehen. Ubunjas Talent im Ingenieurwesen wird eines Tages von einem Unternehmen entdeckt und als solche eingestellt. Von ihrem Gehalt schickt sie Geld zu ihren Verwandten nach Westafrika. Aber auf Dauer will sie nicht in Deutschland bleiben. Die allzeits grüne Landschaft gefällt ihr außerordentlich gut. Doch ohne ihre Freundinnen Annika und Vera hätte sie es hier in der Gesellschaft nie ausgehalten.


Story von A.D.